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Googlegate: Die Kehrseite der Ad Exchange

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Schadensbegrenzungs-Modus bei dem Konzern, der sich zusammen mit Facebook die Hälfte aller weltweiten Online-Werbebudgets von 225 Milliarden Dollar teilt – und dem nun scharenweise Großkunden vom Hof reiten. Aber das Googlegate ist nicht das Interessanteste an der Sache.

Worum es geht

Sachlicher Hintergrund ist, dass „Global Brands“ ihre Budgets von Google abziehen, nachdem die Times of London herausgefunden hat, dass Hetzer-Kanäle auf YouTube zehntausende Dollars mit Google-Ads verdient haben. Beispielsweise wurde VW-Werbung auf dem Kanal von Wagdi Ghoneim ausgespielt, einem aus dem UK verbannten islamistischen Hass-Prediger, der zu Terrorismus aufruft – und geschätzte 78.000 Dollar eingesackt hat. Oder US-Pastor Anderson, ebenfalls aus UK verbannt, der das Massaker im Orlando-Nachtclub feierte und dafür geschätzte 68.000 Dollar von L´Oréal, Nissan und anderen Werbungtreibenden bekommen hat.

„We deeply apologize“

Chief Business Officer Phil Schindler muss nun den Kotau machen und versucht zu retten, was zu retten ist. Versprochen werden „neue Tools“, die den Werbern dabei helfen sollen, die Ausspielung ihrer Werbung neben hate speech Kanälen zu vermeiden. Wie auch immer das gelingen mag. Für Google steht viel auf dem Spiel. Das, was mich beschäftigt, ist aber etwas anderes.

Die Schattenseiten des Business – oder: „Der Mensch is a Sau“ (Helmut Qualtinger)

Als Ende der Neunziger Jahre das Internet begreiflich wurde, war jedem, der eins und eins zusammenzählen konnte, klar, dass es bald Millionen von Webseiten geben würde, die von interessanten Menschen besucht werden. Und hey, warum denen nicht auch Werbung zuspielen und damit ein hübsches Zubrot verdienen.

Warum auch nicht? Die Idee zu dem, was wir heute als Ad Exchange kennen, war damit geboren. Mit der frommen Phantasie an das normale Gute im Menschen wurde die Technologie dazu ersonnen und gebaut, und ja, mit einem faustischen Zuschlag sind profitmaximierende Missgeburten wie Tracking und Stalking dazugekommen.

Die Rechnung wurde aber ohne diejenigen gemacht, die eben nicht das repräsentieren, was wir im common sense als „Gute“ betrachten. In Folge zeigen sich Abgründe, an die die braven und begeisterten Erfinder und Entwickler zuerst nicht im Traum gedacht haben.

Eigentlich hat es erstaunlich lange gedauert, bis sich das ergeben hat, was dermaleinst vielleicht als Google-Gate erinnert wird.

Love and Peace sieht anders aus

Das „Nicht-Gute“ ist ja stets das Geschwister des vermeintlich Guten. PayPal dürfte mehr Entwickler-Jahre zur Eindämmung und Abwehr von Betrug aufgewendet haben, als für seine eigentliche Funktion, dem Bezahlen per E-Mail. Und auch sonst ist die Parade der von den Erfindern nicht geplanten Plagen endlos: Viren. Malware. Kreditkarten- und Online-Banking-Fraud. Passwort- und Datendiebstahl. Salonfähige Verbreitung von faschistischem Gedankengut.

Und nun eben Fake News, Hetzartikel, und die Möglichkeit, damit auch noch wahlweise reich oder mächtig oder sogar beides zu werden. Im Übrigen sogar noch legal, weder die Kanäle noch die irrwitzige Monetarisierung verstoßen gegen derzeitige Gesetze.

Das alles beschränkt sich ja nicht nur auf den Digitalen Raum. Lastwägen wurden auch nicht dazu erfunden, um durch Menschemassen an Uferpromenaden und Weihnachtsmärkten zu pflügen. Auch Einstein hatte nicht im Sinn, was mit seinen Erfindungen und den seiner Zeitgenossen angestellt wird. Ich muss mal wieder „Die Physiker“ lesen.

Dass es die zwei Seiten gibt, die gute wie die schlechte, liegt klar in der Natur des Menschen. Dies wird unterstützt von unserem aktuellen Gesellschaftssystem unterstützt, in dem es letzten Endes um Profit und Macht geht. Love and Peace sieht jedenfalls anders aus.

Verbleibt die Hoffnung, dass die dunklen Seiten dazu gut sind, im Fortgang der Entwicklung die anderen Seiten nur heller zu machen. Bugfixing sozusagen.

Über Helmut Müller

Helmut Müller ist Produzent von betriebswirtschaftlichen Prozessmanagement- und Informationssystemen für Medien, Handel und Dienstleistung, die täglich auf vielen tausend Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Sein Schaffen fokussiert die vielfältigen Nutzen von verknüpften Daten. Helmut Müller ist verantwortlich für Strategie + Evolution bei muellerPrange, ist Gründer des Mediendienstleisters mROBOTA und ist Executive Consultant für Führungskräfte in Medienunternehmen.